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Menschen in Ebnet


Interview mit Maria Müller, frühere Ortschaftsrätin und stv. Ortsvorsteherin in Ebnet


(Das Gespräch führten Daniela Boulanger & Ulrike Eberius)

Juni 2024: Maria Müller im Gespräch

Forum Ebnet ist heute eine feste Größe im Ebneter Ortschaftsrat – dank Menschen wie Maria Müller, Mitbegründerin von Forum Ebnet und eine der ersten Frauen im Ortschaftsrat. Geboren 1935 in Thüringen, zog sie 1955 in den Westen und kam 1973 nach Ebnet. Nach dem frühen Tod ihres Mannes war sie alleinerziehende Mutter von drei Kindern und hat sich dennoch unermüdlich für das Gemeinwesen eingesetzt und zahlreiche Ehrungen erhalten. Wir haben mit ihr über die Entstehung des Forums und ihre Erfahrungen als Ortschaftsrätin und Ortsvorsteherin gesprochen.

Liebe Maria, dein Auftritt beim 30-jährigen Jubiläum von Forum Ebnet mit deiner angenehmen, bescheidenen Art hat viele beeindruckt – auch uns. Deine langjährige ehrenamtliche Arbeit und dein Engagement für Ebnet haben nicht nur politisch Interessierte erreicht, sondern auch Menschen, die zuvor wenig mit aktivem Engagement zu tun hatten. Vielleicht ist es dir nicht bewusst, aber du bist zu einem wichtigen Vorbild geworden – für uns und viele andere. Von dir selbst sagst du, du seist ja "nur Hausfrau" gewesen. Aber das stimmt so nicht. Du hattest eine abgeschlossene Ausbildung.

Ja, aber ich konnte nichts damit anfangen. Ich habe das typische Frauenschicksal dieser Jahre. In der DDR war ich ...

... nach einem Studium in Naumburg und Leipzig staatlich geprüfte Postwirtschaftlerin. Und dann haben die hier im Westen auf der Oberpostdirektion mit den Schultern gezuckt und gesagt: „Das gibt es bei uns nicht. Gehen Sie am besten wieder rüber. Wenn Sie bei uns zur Post wollen, dann müssen Sie nochmal ganz von vorne anfangen und den Ausbildungsgang durchlaufen, wie er halt hier üblich ist.“ Dabei war das in der DDR wirklich eine gute Ausbildung. Ich muss sagen, ich bin nicht so die Superhausfrau gewesen, sondern ich wollte halt immer irgendwie arbeiten, weil ich das auch so gewohnt war von der DDR. Und das war damals so schwierig, die Kinder kamen erst mit fünf Jahren in den Kindergarten, wenn überhaupt. Ja, das war für mich wirklich ganz schlimm, immer zu Hause zu sitzen, mit drei Kindern. Und mein Mann machte dann langsam eine Karriere bei IBM. Als mein Mann starb, hätte ich beinahe einen Zwangsvormund für meine Kinder bekommen, das müsst ihr euch mal vorstellen, so war das Gesetz. Da habe ich gesagt, ich bin doch die Mutter, ich brauche keinen fremden Menschen als Vormund.

Wann war das?

Das war 1975, da ist mein Mann völlig überraschend im Urlaub gestorben.

Das heißt, du warst auf einmal als alleinerziehende Mutter ganz auf dich gestellt und lange Zeit außergewöhnlich belastet. Wie kam es, dass du dich dennoch so stark im Ehrenamt engagiert hast?

Die Situation war so, dass ich dachte, das schaffe ich jetzt nicht, richtig im Beruf einzusteigen. Wir waren zum Glück finanziell einigermaßen abgesichert, weil mein Mann gut verdient hatte. Und dann habe ich mir das so überlegt: Eine volle Berufstätigkeit mit kleinen Kindern kommt nicht in Frage. Aber ich wollte was arbeiten oder was machen, nicht nur im Familienverband. Und dann habe ich halt gesagt, ich arbeite ehrenamtlich.

Du hast sehr viel Zeit investiert in zahlreiche Ehrenämter – das wäre eventuell gar nicht möglich gewesen, wenn du komplett berufstätig gewesen wärst?

Nein, also das war meine Lösung. Ich habe gedacht, ich kann nicht bloß zu Hause sitzen. Es waren vor allem die Leute in der evangelischen Gemeinde, die sich damals um mich gekümmert haben, auch um meine Kinder. Das muss ich schon sagen. Und dann bin ich so allmählich reingekommen in die ehrenamtliche Arbeit. Ich habe sechs Jahre lang Hospizarbeit gemacht. Und in der Telefonseelsorge gearbeitet, mich in der evangelischen Gemeinde engagiert.
Und dann kam – ich war schon Ende Fünfzig – die Anfrage von Nikolaus v. Gayling, ob ich nicht Interesse hätte, bei Forum mitzumachen. Das fand ich interessant. Erstens wohnte ich da schon seit 20 Jahren in Ebnet und meine Kinder sind hier aufgewachsen und in die Schule gegangen. Und es hat mich wirklich interessiert, was aus dem Ort wird.

Wie kam es denn zur Gründung von Forum Ebnet?

Die Grundidee kam 1993 von Nikolaus v. Gayling und Hartmut Saam. Sie hatten sich Gedanken gemacht, was in Ebnet vielleicht so ein bisschen veränderungsbedürftig ist und wollten die Diskussionskultur im Ortschaftsrat beleben. Damals war es häufig so, dass Herr Wolf, der Ortsvorsteher, sehr gut vorbereitet war und die Vorlagen vorgestellt hat und die Ortschaftsräte, die haben sich damit, glaube ich, weniger befasst. Und das hatte dann zur Folge, dass da wenig Aussprache und Diskussion war. Da haben wir gesagt, also das ist eigentlich nicht in Ordnung. Das könnte doch eine Bereicherung sein, wenn da eine weitere Gruppe kommt und ein bisschen mitmacht. Also sind wir 1994 zur Wahl angetreten.

Wie waren die Reaktionen?

Fast schon gekränkt. Man war der Meinung, es braucht keine weitere Gruppe. Die beiden im Ortschaftsrat vertretenen Fraktionen haben eine Presse-Erklärung herausgegeben, in der uns jedwede sachliche Kompetenz abgesprochen wurde: „Das streitsuchende populistische Getue des nicht definierbaren Forum Ebnet sei für den Ort in hohem Maße schädlich und damit verantwortungslos.“

Soviel ich weiß, hat das aber niemand ernst genommen. Das hat uns eher geholfen, das war so erkenntlich blöde. Wir wurden dann auf Anhieb gewählt, Nikolaus v. Gayling, Hartmut Saam und ich. Das hat mich überrascht, weil ich ja keinen Hehl daraus gemacht habe, dass ich evangelisch bin und eine Reingeschmeckte ...

Wie seid ihr auf den Namen "Forum Ebnet" gekommen?

Zuerst war von „Spektrum“ die Rede, und dann kamen wir auf „Forum“. Im Sinn von „Öffentlicher Raum für Diskussionen und Meinungsaustausch“. Offenheit war uns wichtig und Toleranz. Ein Forum für Alt- und Neubürger und alle Generationen, um sich einfach zu engagieren für den Ort, für die Menschen.

Hast du davor mal überlegt, in die CDU zu gehen oder zu den Freien Wählern?

Ja gut, die haben mich nicht angesprochen und ich glaube, ich hätte es auch nicht gemacht. Es war spannend, als Neulinge anzufangen und das Forum zu gründen, das war wirklich Aufbruchstimmung. Erst 2000 haben wir uns als Verein gefunden. Da habe ich mich auch gewundert, dass das doch noch sechs Jahre gedauert hat, bis wir auf die Idee gekommen sind, wir müssten eigentlich einen Verein haben, damit mehr Menschen hinter uns stehen und nicht bloß die zwei, drei, die in der Sitzung sitzen.

Ein Verein hat den Vorteil, dass man Mitglieder haben kann?

Ja

Und das heißt, dann ist einfach der Rückhalt größer, oder ist das finanziell bedeutsam?

Finanziell weniger, der Mitgliedsbeitrag ist ja mit 30 Euro auch heute noch sehr niedrig. Nein, es war einfach die Idee, dass es Leute bräuchte, die mit uns auf gleicher Linie sind.

Wie waren denn die Anfänge für dich im Ortschaftsrat?

Also, zu meiner Anfangszeit war ich ja die einzige Frau im Ortschaftsrat. Es war nicht einfach, weil ich das ja auch alles noch nicht geübt hatte. Ich kam immer zur Nachsitzung mit in den Löwen, da saßen alle Fraktionen nach der Ortschaftsratssitzung noch zusammen. Da bekam ich dann schon mal zu hören, begleitet von einer Handbewegung: „Frau Müller, Sie sind bei der nächsten Wahl weg vom Fenster".

Und warum?

Einfach so, weil ich halt … nix zu sagen hatte. Das hat mich dann gerade noch angestachelt. Ich war schon als Kind eher aufmüpfig, so etwas hat mich nicht entmutigt. Später hieß es dann aber auch: „Die Frau Müller, die ist gar nicht mal so unrecht". Das war das höchste Lob.

Es kam noch Frau Zanger für die CDU dazu, dann waren wir immerhin schon zu zweit. Und Frau Birmelin für die Freien Wähler. Und ich habe die Erfahrung gemacht, die Frauen fassen sich häufig kürzer und sind eigenartigerweise sachlicher. Also, die haben nicht so das Bedürfnis, sich so persönlich zu profilieren, sondern denen geht es wirklich meistens um die Sache.

Du wurdest 1999, 2004 und 2009 wiedergewählt und warst von 2007-2009 die erste weibliche Ortsvorsteherin von Ebnet. Wie kam es dazu?

2007 musste der amtierende Ortsvorsteher Hellmut Menner, der ein sehr anständiger Mann war, krankheitsbedingt zurücktreten. Es war eine reine Formsache, dass ich stellvertretend das Amt übernommen habe, das ging nach Fraktionsgröße. Und ich muss sagen, das war insofern schwierig für mich, da die Zusammenarbeit mit dem damaligen Verwaltungsleiter nicht einfach war.

Du hast dich ja nicht in dieses Amt gedrängt. Warum war die Zusammenarbeit so schwierig?

Da kam vieles zusammen. Und dann noch Forum Ebnet, das war sowieso ein rotes Tuch für ihn.

Und das bekamst du deutlich zu spüren?

Ja, sehr.

Und war es dann so, dass du nach so einem Tag mit viel Gegenwind abends ins Bett gegangen bist und trotzdem gut schlafen konntest, oder hast du das mitgenommen?

Es hat mich schon belastet, ja klar. Und es hat mich geärgert. Aber schlaflose Nächte, nee, das hatte ich nicht. Ich habe von den städtischen Ämtern gut zugearbeitet bekommen, z. B. von der Mitarbeiterin, die für die Bauangelegenheiten zuständig war. Mit ihr habe ich mich sehr gut verstanden. Es waren eigentlich meistens Frauen, die mich dann unterstützt haben.

Wie zeitaufwändig war das Amt der Ortsvorsteherin für dich?

Also ich habe es vielleicht nicht so gemacht, wie jetzt sein muss, weil einfach die Bürokratie heute aufwändiger ist. Aber so 40, 50 Prozent meiner Zeit, ja.

Also eine Halbtagsstelle war es mindestens?

Kann man sagen, ja.

Was würdest du als wichtige Eigenschaft für eine Ortsvorsteherin bzw. einen Ortsvorsteher ansehen?

Es ist wichtig, dass der- oder diejenige wirklich ein Herz für die Menschen und den Ort hat und sich einsetzt.

Aus deiner ganzen Lebenserfahrung, die du gesammelt hast – in einer Kindheit im Dritten Reich, einer Jugend in der DDR, als Mutter und als Lokalpolitikerin über diese vielen Jahrzehnte – hast du eine Art „Fazit“, von dem du denkst, das ist eine Erkenntnis, die würde ich gerne mal weitergeben?

Für mich ist es wichtig, dass man am Geschehen teilnimmt und nicht meint, ich kann nichts machen. Ich habe nie verstanden, dass Leute einfach nur leben, ohne sich wirklich mal zu interessieren, was ihren Mitmenschen widerfährt, oder was überhaupt passiert in der Welt. Und ich finde es wichtig, über den Tellerrand seiner Familie hinauszublicken und sich in seinem Umfeld zu engagieren und Demokratie von unten, von der Basis zu erleben. Damit man Bescheid weiß. Dass man nicht verdummt – sich nicht verdummen lässt. 

Für mich war es eine große Bereicherung, mich im Ortschaftsrat zu engagieren, neue Erfahrungen zu machen und neuen Menschen zu begegnen. Und: wenn sich jemand überlegt, ein Ehrenamt zu übernehmen, dann soll es auch Spaß machen! In diesem Sinn ein gutes Gelingen den Menschen, die sich heute im Forum und in der Ortschaft engagieren.

3 Ebneter Ortsvorsteherinnen:
Maria Müller, Beate Schramm, Gabi Hoferichter (v.l.n.r.) 

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